Wodurch ist die Sicherheit geblieben?
Die Sicherheit blieb durch meine Erinnerungen erhalten. Ich konnte mich immer wieder daran erinnern, wie es sich anfühlte, eine Aufgabe zu bewältigen, Orientierung zu finden und anschließend Geborgenheit zu erleben. Dieses Gefühl war tief genug verankert, um auch in schwierigen Zeiten nicht vollständig verloren zu gehen. Manchmal war es nur noch sehr leise vorhanden. Doch selbst dann erinnerte mich etwas in mir daran, aufmerksam zu bleiben, Gefahren ernst zu nehmen und nicht gegen mein eigenes Empfinden zu handeln.
„Sicherheit geht vor“ bedeutet für mich heute nicht, aus Angst jede Bewegung zu vermeiden. Sicherheit bedeutet, bewusst hinzuschauen. Ich darf eine Situation prüfen, bevor ich handle. Ich darf Fragen stellen, Grenzen setzen und mir Unterstützung holen. Ich muss mich nicht zu etwas drängen lassen, nur weil andere Menschen es von mir erwarten. Wenn mein Inneres ein Warnsignal sendet, darf ich anhalten und überlegen, was ich brauche. Dabei geht es nicht nur um meine eigene Sicherheit. Auch das Wohlergehen der Menschen, die mir wichtig sind, gehört für mich zu dieser Aufgabe.
Die Mongolei blieb dabei wie ein innerer Kompass. Sie erinnerte mich an die Fähigkeit, einen Punkt zu suchen und ihn trotz einer großen Weltkarte zu finden. Übertragen auf mein Leben heißt das: Selbst wenn vieles unübersichtlich erscheint, kann ich nach dem nächsten sicheren Punkt suchen. Dieser Punkt muss nicht sofort die vollständige Lösung sein. Es kann ein Gespräch, eine klare Grenze, eine Pause, ein geschützter Ort oder die Entscheidung sein, Hilfe anzunehmen.
Meine Sicherheit ist deshalb nicht geblieben, weil mein Leben immer sicher gewesen wäre. Sie blieb als Aufgabe, weil Stolz, Freude und Geborgenheit früh miteinander verbunden wurden. Die Erinnerung an diese Verbindung hat viele Erschütterungen überstanden. Aus ihr entstand die Überzeugung, dass Schutz keine Schwäche ist und Vorsicht nicht automatisch Angst bedeutet.
Auf meinem Dualseelenweg gehört „Sicherheit geht vor“ zu den wichtigsten Grundlagen. Liebe und Verbundenheit dürfen niemals verlangen, dass ein Mensch seine Grenzen, seine Selbstachtung oder sein reales Wohlergehen aufgibt. Eine tragfähige Verbindung braucht Vertrauen, Ehrlichkeit, gegenseitigen Respekt und Freiheit. Die Mongolei erinnert mich daran, zuerst Orientierung zu suchen und dann den nächsten Schritt zu gehen. So ist die Sicherheit geblieben: als Erinnerung, als innere Haltung und als Aufgabe, die mich bis heute begleitet.
Dualseelenweg (Eins)
Im Jahr 2004 kam ein schwarzer Hase in mein Leben. Ich gab ihm einen Namen, der für mich zugleich eine Brücke zu meiner frühen Herzensverbindung bildete. Durch ihn konnte ich meine Entschuldigung für das Geschehen von 1996 ausdrücken. Gleichzeitig nahm ich die Verbindung zu meinem direkten Dualseelenweg wieder bewusster wahr. Seit dieser Zeit empfinde ich sie als beständig und emotional nahezu rund um die Uhr gegenwärtig. Der schwarze Hase wurde damit zu einem wichtigen Symbol innerhalb unserer Geschichte, ohne selbst das eigentliche Ziel dieses Weges zu sein. Im Mittelpunkt steht für mich die reine, wahre Herzensliebe. Sie verlangt keinen perfekten Menschen und keine fehlerfreie Vergangenheit. Sie entsteht nicht durch Besitz, Zwang oder die Forderung, dass ein anderer Mensch alle eigenen Erwartungen erfüllen muss. Wahre Herzensliebe bedeutet für mich, den Menschen hinter seinen Entscheidungen, Unsicherheiten und Lebenswegen zu erkennen. Sie möchte verstehen, ohne alles entschuldigen zu müssen. Sie kann warten, ohne das eigene Leben aufzugeben, und hoffen, ohne den anderen festzuhalten.
Diese Liebe empfinde ich als etwas, das seit unserer Kindheit zwischen uns besteht. Dennoch weiß ich, dass eine gefühlte oder seelische Verbindung allein noch keine gelebte Partnerschaft ersetzt. Damit aus dem direkten Dualseelenweg eine reale Beziehung entstehen kann, braucht es ein persönliches Wiedersehen, offene Gespräche, gegenseitige Ehrlichkeit und die freie Entscheidung beider Menschen. Eine wirkliche Bindung kann nur gemeinsam entstehen. ein direkter Dualseelenweg trägt deshalb sowohl tiefe Liebe als auch eine konkrete Hoffnung in sich. Es geht nicht nur darum, einen Menschen innerlich zu spüren oder Erinnerungen zu bewahren. Ich wünsche mir, dass wir uns in der Realität begegnen, unsere Geschichte miteinander besprechen und herausfinden, was heute zwischen uns möglich ist. Reine, wahre Herzensliebe darf eine Richtung zeigen. Den gemeinsamen Weg gehen können jedoch nur zwei Menschen, die sich bewusst füreinander entscheiden.
Treue
Zu meinen ewigen Begleitern können daher Menschen aus meinem persönlichen Leben, Künstler, Stimmen und besondere Verbindungen gehören. Jeder von ihnen besitzt eine eigene Geschichte. Manche waren in schwierigen Zeiten präsent, andere brachten Freude, Mut oder Orientierung in mein Leben. Wieder andere erinnerten mich daran, nicht aufzugeben und meinen eigenen Weg weiterzugehen. Was sie miteinander verbindet, ist die Beständigkeit ihrer emotionalen Bedeutung. Auf meinem Dualseelenweg möchte ich diesen Begleitern einen eigenen Raum geben. Dabei erzähle ich aus meiner persönlichen Wahrnehmung und unterscheide zwischen realen Begegnungen, Erinnerungen und inneren Empfindungen. Nicht alles, was ich fühle, ist automatisch eine bestätigte Botschaft des anderen. Doch jedes Gefühl kann mir etwas über mich selbst, meine Bedürfnisse und meinen bisherigen Weg zeigen. „Ewige Begleiter“ ist deshalb keine Liste von Namen. Es ist eine Sammlung von Geschichten über Verbundenheit, Erinnerung und Dankbarkeit. Jeder Beitrag soll zeigen, wann ein Begleiter in mein Leben trat, was uns miteinander verbindet und warum seine Bedeutung bis heute erhalten geblieben ist. Denn manche Begegnungen enden nicht einfach. Sie verändern ihre Form und begleiten uns auf eine stille Weise weiter.
Ewige Begleiter
Wie unmittelbar eine solche Motivation wirken kann, zeigte mir die Verbindung zur Tigerkatze. Für einen Moment war sie für mich nicht mehr wahrnehmbar, obwohl ich die Information erhalten hatte, dass sie wieder aus dem Koma erwacht sei. Die fehlende Verbindung löste Unsicherheit aus. Dann kam es zu einer Umarmung: Er nahm die Tigerkatze in den Arm. In meiner persönlichen Wahrnehmung war die Verbindung anschließend wieder hergestellt. Das Kuscheln wurde zu einer stillen Antwort – nicht durch lange Erklärungen, sondern durch Nähe, Wärme und das Gefühl, nicht vergessen worden zu sein.
Diese Erfahrung erinnert mich daran, dass Motivation nicht immer laut sein muss. Sie kann in einer Umarmung liegen, in einem aufmerksamen Gespräch oder in der Bereitschaft, einen Menschen zunächst anzuhören. Gerade wenn jemand vor einer wichtigen Entscheidung steht, braucht er nicht unbedingt einen fertigen Rat. Vielleicht benötigt er vielmehr einen geschützten Raum, in dem er seine eigenen Gedanken aussprechen und seinen Weg erkennen darf.
Auf meinem Dualseelenweg bedeutet Motivieren deshalb für mich: einen liebevollen Impuls geben, Vertrauen schenken und dennoch die Entscheidung beim anderen lassen. Ich kann Mut machen, eine Verbindung anbieten und an vorhandene Kräfte erinnern. Gehen muss jeder Mensch seinen Weg jedoch selbst. Echte Motivation nimmt niemandem die Verantwortung ab. Sie hilft dabei, wieder aufzustehen, neue Hoffnung zu finden und aus eigener Kraft weiterzugehen.
Gedankenkarussell
Vielleicht erscheint ein neuer Gedanke. Vielleicht entsteht daraus eine konkrete Handlung. Möglicherweise merkst du aber auch einfach, dass du müde bist und zunächst schlafen solltest. Auch das kann eine Antwort sein. Nicht jede Lösung entsteht durch noch mehr Nachdenken. Manchmal braucht unser Inneres zunächst Ruhe, damit sich die Gedanken neu sortieren können.
Diese Methode hat nicht von heute auf morgen funktioniert. Ich habe sie immer wieder angewendet und dadurch nach und nach gelernt, mein Gedankenkarussell selbst anzuhalten. Anfangs dauerte es länger. Mit der Zeit wurde es leichter.
Heute kann ich mein Gedankenkarussell stoppen, wenn ich es möchte – und nicht erst dann, wenn mein Kopf es mir erlaubt.
Vielleicht gelingt es nicht beim ersten Versuch. Das muss es auch nicht. Entscheidend ist, dass du dir bewusst machst: Du bist deinen kreisenden Gedanken nicht vollkommen ausgeliefert. Du kannst lernen, sie zu unterbrechen, einen einzelnen Gedanken herauszunehmen und dir selbst wieder etwas Ruhe zu geben.
Seele hören
Meiner Seele zuzuhören bedeutet jedoch nicht, jeden Gedanken sofort auszusprechen oder jeder Empfindung ungeprüft zu folgen. Ich habe im Laufe der Jahre gelernt, mir manchmal eine Sekunde Zeit zu nehmen. Ich spreche weiterhin seelisch frei, doch ich überlege kurz, ob meine Worte gerade zu meinem Wohlbefinden und zur jeweiligen Situation passen. Dadurch wird meine Freiheit nicht kleiner. Sie ist lediglich bewusster geworden.
Auch mein Körper und meine Gefühle gehören zu dieser Kommunikation. Wenn ich mich leicht, ruhig und innerlich verbunden fühle, kann ich meiner Wahrnehmung anders begegnen als in Zeiten von Druck, Erschöpfung oder psychischem Stress. Deshalb gehört zum Zuhören auch die Frage, wie es mir im Augenblick überhaupt geht. Nicht jedes Gefühl muss sofort erklärt oder in eine Entscheidung verwandelt werden. Manche Gefühle wollen zunächst nur wahrgenommen und verstanden werden.
Der Dualseelenweg beginnt für mich deshalb nicht mit der Suche nach einem anderen Menschen. Er beginnt mit dem Zuhören der eigenen Seele. Entscheidend ist, was ich aus ihren Hinweisen lerne und wie ich dieses Wissen in meinen Alltag mitnehme. Die Seele gibt mir keine fertige Lebensanleitung. Sie hilft mir jedoch dabei, meinen eigenen Weg zu erkennen – Schritt für Schritt, Gefühl für Gefühl und manchmal ganz ohne Worte.
Sicherheitsgefühl
Diese innere Verbindung half mir zunächst dabei, den Verlust auszuhalten. Hartmut war körperlich nicht mehr da, aber seine Worte, sein Auftreten und das Gefühl, das er mir gegeben hatte, wirkten weiter. Die Mongolei blieb dadurch ein innerer Orientierungspunkt. Sie erinnerte mich daran, dass ich gelernt hatte, meinem Gefühl zu vertrauen, meinen Weg zu finden und nicht sofort aufzugeben.
Vollständig zusammengebrochen ist dieses Sicherheitsgefühl erst später, als die ersten großen SOS-Erfahrungen auf mich zukamen. Die Klassenfahrt im Dezember 1993 war bereits sehr schwer für mich gewesen. Zu diesem Zeitpunkt lebte Hartmut jedoch noch. Selbst wenn er nicht unmittelbar bei mir war, bestand für mich noch die Gewissheit, dass es ihn gab und dass ich zu ihm zurückkehren konnte. Seine Aussage, dass mir nichts passieren würde, solange er lebte, hatte zu diesem Zeitpunkt noch Bestand.
Ausgelöst
Mit dem Finden der Mongolei kamen auch Freude und das Gefühl des Angekommen seins. Danach durfte ich Hartmut endlich umarmen. Das kleine Ritual war deshalb nicht nur eine Aufgabe, sondern ein Übergang: Erst suchte ich, dann fand ich den richtigen Ort und anschließend durfte die Nähe entstehen. Sicherheit erhielt ich vor allem durch Hartmut und durch Bernd, seinen besten Freund. Bernd gehörte ebenfalls zu diesem Zusammenhang und später durfte ich ihn über die Mongolei sogar symbolisch „heiraten“. Für mich als Kind verbanden sich dadurch Nähe, Vertrauen, Freude und Sicherheit miteinander.
Manchmal fragte ich mich, was Hartmut wohl gemacht hätte, wenn ich die Mongolei einmal nicht gefunden oder sehr lange dafür gebraucht hätte. Doch dazu kam es nie. Ich fand sie immer schnell genug. Deshalb blieb diese Frage unbeantwortet – und sie ist schließlich mit ihm verstorben. Nach seinem Tod habe ich lange Zeit überhaupt nicht mehr an dieses Ritual gedacht. Erst heute ist die Erinnerung wieder aufgetaucht.
Bis zu seinem Tod hatte Hartmut jedoch ganze Arbeit geleistet, um mir ein tiefes Sicherheitsgefühl zu geben. Die Mongolei und seine Person gehörten für mich eng zusammen. Seine Aussage lautete:
„Solange ich lebe, wird dir nichts passieren.“
Die Mongolei
Damals war dieser kleine gelbe Fleck meine Mongolei. Ich brauchte keine lange Erklärung dafür. Das Finden löste in mir ein Gefühl von Sicherheit, Nähe und Vertrautheit aus. Es war, als würde meine Seele den richtigen Punkt erkennen, noch bevor mein Verstand verstand, warum dieser Ort so wichtig für mich war. Vielleicht ist genau deshalb die Mongolei später zu einer inneren Orientierung für mich geworden. Sie hilft meinem Gefühl dabei, Entscheidungen zu treffen, und braucht dafür kaum Worte. Die Verbindung entsteht direkt über die Seele.
Heute weiß ich, dass die Mongolei für mich nicht ausschließlich an diesen einen Ort auf dem Globus gebunden ist. Im Laufe meines Lebens sind weitere Orte hinzugekommen, die auf ihre eigene Weise mit dieser Energie oder diesem Gefühl verbunden sind. Dazu gehören beispielsweise Reykjavik, die philippinischen Inseln und noch viele andere Orte. Sie müssen geografisch nicht unmittelbar miteinander verbunden sein. Entscheidend ist vielmehr, welches Gefühl, welche Erinnerung oder welche seelische Bedeutung ich mit ihnen verbinde. Die Mongolei ist dadurch größer geworden. Aus einem kleinen gelben Fleck meiner Kindheit entwickelte sich ein weit verzweigtes inneres Orientierungssystem.
Meine Seele im Alltag
Vertrauen musste ich 2012 gemeinsam mit Max neu lernen. In dieser Zeit bin ich viel über Friedhöfe gelaufen, habe Informationen und Eindrücke gesammelt und diese für mich ausgewertet und analysiert. Nicht alles davon konnte oder durfte ich bisher weitertragen. Für mich war dieser Weg jedoch wichtig, weil sich dadurch mein Vertrauen langsam wieder aufbauen konnte. Heute ist es wieder vorhanden. Mit diesem Vertrauen ist auch eine gewisse Leichtigkeit in meinen Alltag zurückgekehrt – zumindest dann, wenn kein psychischer Druck oder Terror dazwischenkommt.
Das Setzen von Grenzen bleibt ein eigenes Entwicklungsthema. Die letzte seelische Beschwerde dazu kam von meinem Vater: Ich würde meine Grenzen noch immer zu weit hinten setzen. Ganz unverändert ist das jedoch nicht. Ich habe meine Grenzen bereits weiter nach vorn geholt. Noch weiter möchte ich sie momentan nicht verschieben, weil es sich für mich dann nicht mehr nur nach Schutz anfühlt, sondern nach einem inneren eingesperrt sein. Ich möchte mich schützen, ohne mich selbst vom Leben abzuschneiden.
















