Lisa wirft beim Basketball auf dem Außenplatz, während neben dem Ortsschild Altenkirchen zwei Tierfiguren und ein Junge stehen.

Tigerkatze findet SS – Basketball und seltsame Schulhöfe

Basketball und seltsame Schulhöfe

Als Lisa mal wieder Bernstein besuchte, glaubte sie im ersten Moment nicht, was sie sah. Trotzdem ließ sie sich überraschen und wartete neugierig darauf, womit die Mongolei sie diesmal wohl „bestrafen“ wollte. Und tatsächlich: ER wollte Basketball spielen. Nicht nur ein bisschen, sondern richtig. Er war inzwischen in einer Basketballgruppe, und als Lisa den Erzieher sah, musste sie unwillkürlich lächeln. Dieses Gesicht kam ihr verdammt bekannt vor. Je länger sie hinsah, desto deutlicher wurde die Erinnerung. Sie kannte ihn aus einer Zeit, in der sie selbst erst fünfzehn Jahre alt gewesen war. Damals hatte sie sein kleiner Bruder zum Basketball eingeladen. Noch heute hörte sie die Stimme von damals in ihrem Kopf: „Hey du da, mit dem Basecap – komm mal her!“ Genau so hatte es angefangen.


Heute war alles anders und zugleich erstaunlich vertraut. Lisa stand nicht mehr als fünfzehnjähriges Mädchen am Rand eines Basketballplatzes. Heute war sie die stolze Mutter eines Sohnes und wurde plötzlich selbst zu einem Basketballspiel herausgefordert. Also nahm sie die Herausforderung an. Der Ball lag wieder in ihren Händen, die Entfernung zum Korb war kein Grund zum Zögern, und schon nach kurzer Zeit war klar, dass sie das Spiel nicht einfach nur mitspielte. Sie gewann erneut deutlich und hatte am Ende das Gefühl, das Spiel regelrecht überragt zu haben. Dabei musste sie innerlich lachen. Diese besondere „Bestrafung“ hatte sie wohl der Mongolei zu verdanken. Alle Ziele, die sie sich gesetzt hatte, waren erreicht, und statt einer unangenehmen Konsequenz bekam sie einen wunderschönen Tag geschenkt. Eine Strafe, die sich eher wie eine Belohnung anfühlte.

Während sie noch über den Basketballplatz blickte, wanderten ihre Gedanken weiter. Plötzlich war da wieder das Bild eines fast zwei Meter großen Mannes in einem weißen Corsa. Altenkirchen. Kevin, der Pate ihres Sohnes, hatte die Szene damals beobachtet. Für Lisa konnte dieser Mann nur Michael Morgen gewesen sein. Das Bild stand klar vor ihrem inneren Auge: der weiße Corsa, dieser große Mann und eine Coladose in seiner Hand. Irgendwie schien sich alles über Jahre hinweg miteinander zu verbinden – Basketball, alte Begegnungen, ihr Sohn, Bernstein, Altenkirchen und diese seltsame Spur zur Mongolei. Und Lisa musste lächeln, weil manche Wege im Leben offenbar erst sehr viel später zeigen, wohin sie eigentlich geführt haben. Vielleicht war genau das die eigentliche Überraschung dieses Tages: dass Vergangenheit und Gegenwart sich für einen Augenblick auf demselben Basketballfeld begegneten und daraus etwas Leichtes, Schönes und Versöhnliches entstand.


Als Lisa den Ball wieder in den Händen hielt, fühlte sich der Platz plötzlich wie eine Brücke zwischen früher und heute an. Damals war sie fünfzehn gewesen, heute stand sie als Mutter dort. Bleckie saß am Rand des Feldes und beobachtete aufmerksam, während SIT neben ihm stand und Tigerkatze mit großen Augen dem Ball folgte. Niemand sagte viel. Es war dieser besondere Moment, in dem alle wussten, dass jetzt etwas passieren würde. Lisa ging ein paar Schritte zurück, ungefähr fünf Meter vom Korb entfernt, atmete ein und warf. Der Ball stieg ruhig nach oben, drehte sich einmal in der Luft und fiel sauber durch das Netz. Für einen Augenblick war es vollkommen still. Dann kam das Lachen. Tigerkatze sprang auf, Bleckie grinste und SIT nickte anerkennend. Lisa musste ebenfalls lachen. Wieder hatte sie ein Spiel gewonnen, aber diesmal fühlte sich der Sieg anders an. Er gehörte nicht nur zu einem Basketballplatz, sondern zu all den Wegen, die sie bis hierher geführt hatten. In Gedanken tauchten Bernstein, die Mongolei, Altenkirchen und der weiße Corsa wieder auf. Doch diesmal blieb Lisa im Heute. Der Ball lag auf dem Boden, ihr Sohn war bei ihr, und dieser Tag gehörte ihnen. Einfach hier, jetzt.