Sicherheitsgefühl
Diese innere Verbindung half mir zunächst dabei, den Verlust auszuhalten. Hartmut war körperlich nicht mehr da, aber seine Worte, sein Auftreten und das Gefühl, das er mir gegeben hatte, wirkten weiter. Die Mongolei blieb dadurch ein innerer Orientierungspunkt. Sie erinnerte mich daran, dass ich gelernt hatte, meinem Gefühl zu vertrauen, meinen Weg zu finden und nicht sofort aufzugeben.
Vollständig zusammengebrochen ist dieses Sicherheitsgefühl erst später, als die ersten großen SOS-Erfahrungen auf mich zukamen. Die Klassenfahrt im Dezember 1993 war bereits sehr schwer für mich gewesen. Zu diesem Zeitpunkt lebte Hartmut jedoch noch. Selbst wenn er nicht unmittelbar bei mir war, bestand für mich noch die Gewissheit, dass es ihn gab und dass ich zu ihm zurückkehren konnte. Seine Aussage, dass mir nichts passieren würde, solange er lebte, hatte zu diesem Zeitpunkt noch Bestand.
Ausgelöst
Mit dem Finden der Mongolei kamen auch Freude und das Gefühl des Angekommen seins. Danach durfte ich Hartmut endlich umarmen. Das kleine Ritual war deshalb nicht nur eine Aufgabe, sondern ein Übergang: Erst suchte ich, dann fand ich den richtigen Ort und anschließend durfte die Nähe entstehen. Sicherheit erhielt ich vor allem durch Hartmut und durch Bernd, seinen besten Freund. Bernd gehörte ebenfalls zu diesem Zusammenhang und später durfte ich ihn über die Mongolei sogar symbolisch „heiraten“. Für mich als Kind verbanden sich dadurch Nähe, Vertrauen, Freude und Sicherheit miteinander.
Manchmal fragte ich mich, was Hartmut wohl gemacht hätte, wenn ich die Mongolei einmal nicht gefunden oder sehr lange dafür gebraucht hätte. Doch dazu kam es nie. Ich fand sie immer schnell genug. Deshalb blieb diese Frage unbeantwortet – und sie ist schließlich mit ihm verstorben. Nach seinem Tod habe ich lange Zeit überhaupt nicht mehr an dieses Ritual gedacht. Erst heute ist die Erinnerung wieder aufgetaucht.
Bis zu seinem Tod hatte Hartmut jedoch ganze Arbeit geleistet, um mir ein tiefes Sicherheitsgefühl zu geben. Die Mongolei und seine Person gehörten für mich eng zusammen. Seine Aussage lautete:
„Solange ich lebe, wird dir nichts passieren.“
Die Mongolei
Damals war dieser kleine gelbe Fleck meine Mongolei. Ich brauchte keine lange Erklärung dafür. Das Finden löste in mir ein Gefühl von Sicherheit, Nähe und Vertrautheit aus. Es war, als würde meine Seele den richtigen Punkt erkennen, noch bevor mein Verstand verstand, warum dieser Ort so wichtig für mich war. Vielleicht ist genau deshalb die Mongolei später zu einer inneren Orientierung für mich geworden. Sie hilft meinem Gefühl dabei, Entscheidungen zu treffen, und braucht dafür kaum Worte. Die Verbindung entsteht direkt über die Seele.
Heute weiß ich, dass die Mongolei für mich nicht ausschließlich an diesen einen Ort auf dem Globus gebunden ist. Im Laufe meines Lebens sind weitere Orte hinzugekommen, die auf ihre eigene Weise mit dieser Energie oder diesem Gefühl verbunden sind. Dazu gehören beispielsweise Reykjavik, die philippinischen Inseln und noch viele andere Orte. Sie müssen geografisch nicht unmittelbar miteinander verbunden sein. Entscheidend ist vielmehr, welches Gefühl, welche Erinnerung oder welche seelische Bedeutung ich mit ihnen verbinde. Die Mongolei ist dadurch größer geworden. Aus einem kleinen gelben Fleck meiner Kindheit entwickelte sich ein weit verzweigtes inneres Orientierungssystem.









