RED BULL verleiht Flügel
Red Bull verleiht Flügel (Jedoch gibt es auch Schattenseiten zu beachten)

Am 1. März 2001 begann für mich ein neuer Lebensabschnitt. Auf Kosten von ALCATEL wohnte ich zunächst in einer Pension in Niederbayern. Mitnehmen konnte ich auch Mickey, mein weißes weibliches Meerschweinchen, das ich zuvor in einem Baumarkt gekauft und sehr schnell lieben gelernt hatte. Wir freundeten uns innerhalb kurzer Zeit intensiv miteinander an. Gleichzeitig begann mein neuer Job in einer stillgelegten Kaserne in Landsberg am Lech. Dort ging es um ein großes Telekommunikationsprojekt. Eine Glasfaser- beziehungsweise Telefontrasse sollte in die Erde gebracht werden. Auftraggeber war eine schwedische Firma, Thelia, deren deutscher Manager mit russischen Wurzeln von Frankfurt am Main aus für das schwedische Unternehmen arbeitete. Was genau mich bei diesem Projekt erwartete, wusste ich anfangs selbst nicht. Ich war als Projektassistentin eingesetzt und damit plötzlich Ansprechpartnerin für praktisch alles und jeden. Zum Projekt gehörten zwei Manager, sechs Bauleiter und zwei Tiefbaufirmen. Vor allem die notwendigen Wegerechte, also die Genehmigungen dafür, auf beziehungsweise durch Grundstücke bauen zu dürfen, waren längst überfällig und mussten dringend aufgearbeitet werden. Ich wusste damals nicht und weiß teilweise bis heute nicht, in welches Projekt man mich da eigentlich hineingeworfen hatte. Aber ich habe mein Bestes gegeben.
Alle vierzehn Tage fuhr ich von Freitag bis Sonntag zu meiner Schwester nach Brandenburg. Von dort brachte ich mir regelmäßig zwei Paletten RED BULL mit. Damals hatte das einen sehr praktischen Grund: Ich wollte oder musste die Arbeitswoche irgendwie überstehen. Meine Tage begannen teilweise morgens gegen sechs Uhr und endeten erst nachts gegen drei Uhr. Heute klingt das selbst für mich ziemlich verrückt. Damals funktionierte ich einfach. Und tatsächlich fühlte es sich an, als würde Red Bull mir Flügel verleihen. Allerdings nicht ganz so, wie die Werbung es versprach.
Eine besondere Erinnerung verbindet mich mit dem Wannsee. Dort erlebte ich eine Veranstaltung von RED BULL, bei der die verrücktesten selbstgebauten Flugobjekte ins Wasser geschickt wurden. Manche Konstruktionen sahen tatsächlich so aus, als könnten sie fliegen, andere eher nicht. Es war lustig anzusehen, wobei manche Landung sicherlich auch ziemlich wehgetan haben dürfte. In diesem Punkt hatte Red Bull also vielleicht ein wenig übertrieben: Die Piloten hatten nicht unbedingt Flügel. Meine zwei Paletten Red Bull alle vierzehn Tage dagegen sorgten zumindest subjektiv dafür, dass ich meinen damaligen Arbeitsrhythmus überhaupt durchhielt.
Besonders spannend fand ich bei meiner Arbeit die Meetings der Manager. Mit Andrej, dem Thelia-Manager, war ich telefonisch längst beim Du angekommen. Umso mehr freute ich mich auf unser erstes persönliches Meeting. Ich bereitete alles vor, kochte Kaffee und versuchte, die bekannten Termine und Besprechungen so gut wie möglich zu organisieren. An diesem Tag konnte ich mir allerdings ein Grinsen kaum verkneifen, denn ich hatte gerade erfahren, dass offenbar niemand sonst so richtig wusste, was eigentlich bekannt oder vorbereitet war. Als Andrej schließlich erschien, mussten wir plötzlich professionell auf das Sie wechseln. Am Telefon waren wir beim Du, im offiziellen Meeting beim Sie. Und erstaunlicherweise funktionierte das hervorragend. Später wurde mir berichtet, dass auch das Meeting sehr gut verlaufen sei.

Landsberg am Lech, LL, ist mir aus dieser Zeit besonders im Gedächtnis geblieben. Ich erinnere mich an die Kleinstadt, an das Wasser und an einen mehrstufigen Wasserfall beziehungsweise das Lechwehr. Auf der einen Seite Steine, auf der anderen die Häuser – eine Kulisse, die sich bei mir eingebrannt hat. Und dann war da die Burg. Sie stand für mich mitten in dieser damaligen Lebensphase wie ein eigener Marker. Ich habe diese Burg in meiner persönlichen Geschichte weiterbearbeitet, bis hin zu meiner Verbindung mit einer sich öffnenden Kindergartentür. Rückblickend würde ich sagen, dass ich damals nicht nur ein Telekommunikationsprojekt abarbeitete. Ich arbeitete gleichzeitig an meiner eigenen Geschichte.
Auch RED BULL bekam für mich irgendwann eine zweite Ebene. Ich hatte das Gefühl, instinktiv ein SOS weiterzubearbeiten. Das Getränk hatte ich gekauft, bezahlt und für mich genutzt. Es half mir kurzfristig dabei, meine enorme Arbeitsbelastung auszuhalten. Aber irgendwann zeigte sich auch die andere Seite. Energydrinks ersetzen keine Erholung. Mein damaliger Konsum war extrem hoch. Über einen langen Zeitraum trank ich täglich RED BULL. Gleichzeitig hatte ich Probleme mit Krämpfen und beschäftigte mich mit meinem Magnesiumhaushalt. Diese Verbindung ist zunächst meine persönliche körperliche Erfahrung aus jener Zeit. Heute würde ich einen derart hohen Energydrink-Konsum nicht mehr als normale Lösung für Schlafmangel und Überarbeitung betrachten. Denn irgendwann fordert der Körper zurück, was man ihm über längere Zeit nicht gegeben hat: Ruhe, Schlaf, Nahrung und Pausen. Flügel können tragen, aber sie können einen Menschen auch vergessen lassen, dass er irgendwann wieder landen muss.

Zwischendurch gab es zum Glück auch Momente, in denen ich etwas Luft hatte. Dann ging ich essen. Ich hatte ein kleines, feines Restaurant entdeckt, das aus drei Räumen bestand. Dort setzte ich mich immer wieder hin und dort schrieb ich. Mein Buch begann im Jahr 2001. Fertig für den Verkauf als E-Book war es schließlich 2009. Acht Jahre lagen zwischen Anfang und Veröffentlichung. So lange kämpfte ich auch mit mir selbst darum, dass aus diesem Buch kein Horrorfilm auf Papier wurde. Es gab vieles, was ich hätte hineinschreiben können. Aber ich nahm nur so viele Botschaften auf, wie ich damals vom Gefühl her verantworten konnte. Vielleicht waren gerade diese Stunden im Restaurant notwendig. Denn während meiner Arbeit bestand der Alltag aus Namen, Zahlen, Grundstücken, Terminen, Firmen, Bauleitern, Managern und offenen Vorgängen. Beim Schreiben konnte etwas anderes entstehen.
Irgendwann war für mich das Tor der Burg geöffnet und nur etwa einen Monat später zog mein Leben schon wieder weiter. Doch eigentlich müssen wir an dieser Stelle noch einmal zurückgehen, denn ab dem 1. Mai 2001 hatte ich schließlich meine eigene Drei-Zimmer-Wohnung im Nachbarort. Und selbstverständlich war Mickey dabei. Mein kleines weißes Meerschweinchen durfte dort auf seine ganz eigene Weise Wachhund spielen. Damit begann das nächste Kapitel. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Geschichte hinter dem Satz „RED BULL verleiht Flügel“. Manchmal verleihen uns Dinge kurzfristig tatsächlich Flügel. Doch entscheidend ist, zu erkennen, wann wir fliegen und wann unser Körper längst um eine Landung bittet.
